Erneste Junge

Drei Fragen an Erneste Junge

Was bedeutet der Kulturmarathon für Sie?

Die Verunsicherung durch die erste Coronawelle, was künstlerisch für das Tanztheater Stakkato 2020 noch machbar sein würde, war groß. Wir hatten die Wiederaufnahme des Tanztheaterstücks „Das ewige Kreisen“ mit Projektunterstützung aus dem Kulturmarathontopf wieder geplant, was dann durch die Schließung des Emma-Theaters nicht stattfinden konnte.

Das unbürokratische Vorgehen des Kulturmanagements im Frühjahr 2020, mehrere Projekte einreichen zu können, bewirkte eine positive Welle, über Neues nachzudenken und Projektideen u.a.  zur Coronaproblematik einzubringen.

Eine Projektidee mit dem Thema ANGST / FREI, die ich für das Längsschiff der Kunsthalle Osnabrück einreichte, konnte durch Sponsoring der Sievertstiftung an den Start gehen, was für die Beteiligten in dieser Krisensituation ein Highlight bedeutete. Für diesen inspirierenden Raum ein Stück zu inszenieren und – mit entsprechenden Abstandsregeln – bespielen zu können, das war mit Hoffnung auf Lockerungen für März 2021 vorgesehen. Es ist nun bedrückend, dass die Aufführungstermine Ende März 21 durch den verlängerten Lockdown doch ins Wasser fallen, aber Hoffnung, dass die Produktion im Laufe des Jahres realisiert werden kann, stirbt (noch) nicht.

Ein zweites Projekt, welches durch den Kulturmarathon ermöglicht wurde, ist eine Dokumentation über meine 40jährige künstlerische Tätigkeit in Osnabrück. Der Pantomime Manfred Pomorin, der über die Jahre meine Arbeit an vielen Orten der Stadt mit der Kamera begleitete, produziert diesen Film.

 

Wie haben Sie die Coronaphase bezüglich der Kultur bislang erlebt? 

Es war 2020 und ist jetzt noch nicht absehbar – ein Warten auf ÖFFNUNG, sodass die essentiell notwendige physische Nähe und Schwingung zwischen Akteuren und Publikum wieder möglich sein wird.

Interessant und überraschend war, dass der Kulturmarathon mit seinem finanziellen Aspekt, den Kunstschaffenden direkte Unterstützung zukommen zu lassen, eine notwendige und innovative Zündung dafür war, dass aus allen Bereichen und Nischen ein breites Spektrum an Ideen herauskatapultiert wurde und sich dadurch die Lebendigkeit und Vielfalt der Osnabrücker Kunstszene verstärkt gezeigt hat.

Die  virtuellen Formate der Kunstvermittlung bieten in dieser “kontaktlosen” Zeit eine Möglichkeit, nicht in Vergessenheit zu geraten, sind aber durch die Medienflut vielfach keine befriedigende Alternative, Kultur sinnlich über Hören, Sehen, Emotion, Austausch, Fluidum… “hautnah” zu erleben.

 

Was wünschen Sie sich in der Zukunft für die Kulturlandschaft Osnabrücks?

Stay together und neugierig aufeinander bleiben, sodass Künstlerinnen und Künstler sowie Institutionen ihre Projektideen in einen Pool einbringen. “Networking” – auch im Hinblick auf gesellschaftliche Themen und Sichtweisen, die den eigenen künstlerischen Prozess bereichern und erweitern. Gerade in der freien Kulturszene gilt es, Energien zu bündeln und Berührungsängste, Abgrenzung und Konkurrenz zu überwinden.

Reizvoll ist es, Neues, Zufälliges und Perspektivwechsel in die künstlerische Arbeit mit einfließen zu lassen, welche durch die neuartige synergetische Wirkung bei der Arbeit mit Medien zustande kommen.

Es wäre sinnvoll, wenn das Kulturmanagement verstärkt Gelegenheit für Meetings und Thinktanks bieten würde, wo ein Interessenaustausch, auch über den städtischen Kulturplan mit seinen Jahresthemen hinaus, stattfinden kann.

Ich hoffe sehr, dass es im kulturellen Leben der Stadt reichhaltig und bunt weitergehen wird, und über sie hinaus, dass Kulturstätten die Krise überleben, dass der Hunger nach Kunst nicht nachlassen wird, die Menschen sogar mit dem Bewusstsein einer größeren Wertschätzung wieder nach draußen gehen, um kulturelle Nahrung “aufzunehmen”.

FOTO: FRITZ SCHWARZENBERGER